Ein Angestellter, der an seine Grenze kommt, hat über sich noch eine Ebene. Jemanden, der gegensteuern kann, eine Vertretung, einen Puffer. Wer ein Unternehmen führt, hat das nicht. Du bist der Puffer. Fällst du aus, fällt das System aus, und es gibt niemanden, der dich auffängt.
Dazu kommt etwas, das von außen leicht übersehen wird: Je größer die Verantwortung, desto weniger Menschen in der Nähe sind frei von eigenen Interessen am Ausgang. Manche Sorge lässt sich mit niemandem im Haus besprechen. Das ist keine Schwäche und kein Selbstmitleid, sondern eine strukturelle Lage, und sie zehrt.
Die Zahlen bestätigen das nüchtern. Rund die Hälfte der Selbstständigen sagt, dass finanzielle Sorgen und Existenzangst direkt auf ihr seelisches Wohlbefinden durchschlagen, deutlich mehr als bei Angestellten. Und unter den genannten Belastungen taucht ein Faktor auf, der lange tabu war: die eigene Einsamkeit an der Spitze. Sie steht nicht ganz oben in der Liste, aber sie steht da, und das ist neu.
Ich schreibe darüber nicht aus der Distanz. Ich bin selbst einmal erschöpft aus einem Angestelltenverhältnis gegangen, und ich merke bis heute, dass solche Belastungen Spuren hinterlassen. Nicht dramatisch, meist unsichtbar, nach außen funktioniert man weiter. Und doch gibt es Tage, an denen man spürt, dass das System dünnhäutiger geworden ist. Genau deshalb ist Resilienz für mich kein hübsches Schlagwort und kein Augen zu und durch. Resilienz heißt nicht, Menschen härter zu machen. Sie heißt, früher zu bemerken, wenn etwas kippt, die Ursache besser zu verstehen und dann klüger zu handeln. Für sich selbst, und für die, für die man Verantwortung trägt.
Warum die meisten Ratschläge ins Leere laufen
Wenn das Thema Resilienz aufkommt, springen fast alle sofort zu den Maßnahmen. Mehr Sport, besserer Schlaf, Achtsamkeit, klare Grenzen, Auszeiten. Das ist nicht falsch. Aber es ist auch nicht das, was fehlt.
Maßnahmen gibt es im Überfluss. Eine Suchanfrage, ein paar Minuten mit einem KI-Assistenten, und du hast mehr gute Ratschläge, als du je umsetzen wirst. Genau das ist der Punkt: An Maßnahmen mangelt es nicht. Es mangelt an den beiden Schritten davor, die so selbstverständlich klingen, dass sie übersprungen werden.
Der erste ist, überhaupt wahrzunehmen, dass etwas da ist. Der zweite ist, die Ursache zu verstehen, bevor man etwas dagegen unternimmt. Wer diese beiden überspringt, wirft Maßnahmen auf ein Problem, das er nicht verstanden hat, und wundert sich, dass sie verpuffen. Eine Auszeit hilft nicht gegen ein strukturelles Cashflow-Problem. Ein Achtsamkeitskurs ändert nichts an einer Aufgabe, für die schlicht die Mittel fehlen. Die richtige Maßnahme an der falsch verstandenen Ursache ist verlorene Kraft, und Kraft ist genau das, was in diesen Phasen knapp ist.
(Den vierten Schritt, das Umsetzen, lasse ich hier bewusst aus. Wer schon tief in einer Erschöpfung steckt, für den ist Umsetzen oft das Schwerste überhaupt. Das ist ein eigenes Thema und verdient mehr als einen Nebensatz.)
Wahrnehmen, dass etwas kippt
Das Tückische an Erschöpfung ist, dass sie schleichend kommt. Es gibt selten den einen Moment, an dem ein Alarm losgeht. Stattdessen verschiebt sich die Normalität, Stück für Stück, und weil man jeden Tag nur den kleinen Schritt von gestern weitergeht, fällt die Strecke nicht auf. Man funktioniert ja. Bis man nicht mehr funktioniert.
Wahrnehmen heißt deshalb, sich nicht auf das Gefühl zu verlassen, das einem im Trubel ohnehin abhandenkommt, sondern sich einen Spiegel zu schaffen. Eine simple tägliche Einordnung des eigenen Energielevels auf einer Skala, ein kurzer Rückblick am Abend, eine feste Frage, die man sich stellt, bevor der nächste Tag einen wieder mitreißt. Es geht nicht um Methodengläubigkeit, sondern darum, dass die Beobachtung von außen kommt, weil die von innen unter Druck als Erstes ausfällt.
Und hier wird es für Unternehmer doppelt wichtig, denn es gibt nicht nur einen, auf den zu schauen ist. Es gibt drei Ebenen, die leicht durcheinandergeraten. Da ist das Unternehmen als Ganzes, das belastbar oder fragil sein kann. Da bist du selbst, mit deinem eigenen Maß an Kraft. Und da sind die Menschen, die für dich arbeiten, für deren Belastung du eine Fürsorgepflicht trägst. Diese drei verschwimmen im Alltag gern zu einem einzigen großen Druckgefühl. Sie auseinanderzuhalten ist schon der halbe Erkenntnisgewinn: Ist das gerade meine Erschöpfung oder die einer ganzen Mannschaft? Wackelt das Unternehmen, oder wackle ich? Was ich auf der falschen Ebene zu lösen versuche, löse ich gar nicht.
Die Ursache verstehen, bevor man handelt
Ist einmal wahrgenommen, dass etwas nicht stimmt, kommt der Schritt, der am häufigsten ausgelassen wird: zu verstehen, woran es liegt. Und hier lohnt ein Blick auf etwas, das im Hintergrund passiert und das vieles erklärt.
Ein und derselbe Druck macht zwei Menschen nicht gleich viel aus. Ein Reiz ist nicht von sich aus Stress. Er wird erst dazu, wenn wir ihn als belastend einordnen und im selben Moment den Eindruck haben, ihm nicht gewachsen zu sein. Dieser zweite Teil ist der eigentliche Kipppunkt. Solange ich glaube, die Mittel zu haben, um mit einer Lage umzugehen, fordert sie mich, aber sie zermürbt mich nicht. Erst wenn ich mich für handlungsunfähig halte, wird daraus echter Stress. Das ist eine gute Nachricht, denn es heißt: Die Ursache liegt nicht nur in der Außenwelt, sondern auch in der Frage, wie ich meine eigenen Möglichkeiten einschätze. Und an dieser Einschätzung lässt sich arbeiten.
Daraus folgt auch, dass nicht jede Belastung dieselbe Sorte Belastung ist. Es gibt den fordernden Druck, der anstrengt, aber an dem man wächst: hohe Last, Komplexität, Verantwortung. Und es gibt den blockierenden Druck, der nur zermürbt, ohne irgendwohin zu führen: sinnlose Bürokratie, ständiges Hineinregieren, Anerkennung, die ausbleibt. Beide kosten Energie, aber das eine zahlt sich aus und das andere nicht. Wer seine eigene Erschöpfung verstehen will, sollte sie zuerst sortieren: Welcher Teil meiner Last bringt mich voran, und welcher mahlt mich nur ab? Denn beim mahlenden Teil ist Wegnehmen die Lösung, nicht Durchhalten.
Verstehen heißt hier also nicht, das Gefühl wegzuanalysieren, sondern es zu zerlegen. Auf welcher Ebene liegt die Ursache. Ist sie eine Herausforderung oder ein Hindernis. Und ehrlich genug: Halte ich mich für machtlos, weil ich es bin, oder weil ich es im Tunnel gerade nur so sehe? Erst wenn diese Fragen beantwortet sind, hat eine Maßnahme überhaupt eine Chance, die richtige zu sein.
Das Bild, an dem ich das festmache
Wenn ich erklären soll, woran man sieht, dass etwas aus dem Gleichgewicht ist, greife ich seit Jahren zu demselben Bild: dem dreibeinigen Hocker. Drei Beine tragen ein gutes Leben. Das eine ist die Leistung, das, was man fachlich tut, beruflich wie privat. Das zweite ist die Interaktion, alles Zwischenmenschliche, Partner, Familie, Kollegen, der Austausch, der einen nicht allein lässt. Das dritte ist die Fitness im weiten Sinn, körperlich, psychisch, seelisch.
Ein Hocker steht nur, wenn die drei Beine in Balance sind. Genau das macht das Bild so brauchbar: Es zeigt, dass man nicht zusammenbricht, weil ein Bereich schwach ist, sondern weil das Verhältnis kippt. Wer alles in die Leistung legt und die anderen beiden verkümmern lässt, sitzt auf einem schiefen Hocker, und auf einem schiefen Hocker kann man nichts aufbauen. Es nützt dann wenig, das tragende Bein noch dicker zu machen. Was fehlt, ist das kurze.
Für Unternehmer hat dieses Bild eine unbequeme Pointe. Das Bein, das fast immer zu lang gerät, ist die Leistung. Und die beiden, die zuerst einknicken, sind die Interaktion, also genau die Verbindung, deren Fehlen wir oben Einsamkeit genannt haben, und die Fitness, die Erholung, die man sich vermeintlich gerade nicht leisten kann. Das Gleichgewicht wiederherzustellen heißt dann nicht, mehr zu leisten, sondern dem nachzugeben, was zu kurz gekommen ist.
Was bleibt
Resilienz ist kein Panzer, den man sich zulegt, und keine Liste von Maßnahmen, die man abarbeitet. Sie beginnt früher, an einer Stelle, die so naheliegend ist, dass sie meist übersprungen wird: beim genauen Hinsehen, bevor man handelt. Wahrnehmen, dass etwas kippt. Verstehen, woran es liegt. Und erst dann das Richtige tun, statt irgendetwas.
Gerade für die, die selbst das System sind und niemanden über sich haben, ist dieser frühe Blick die eigentliche Schutzschicht. Manchmal braucht es dafür einen Spiegel von außen, jemanden, der die blinden Flecken sieht, die man bei der eigenen Sache nie sieht. Genau dafür gibt es das vertrauliche Sparring.
Dieser Text geht auf einen Impuls zurück, den ich vor den Wirtschaftsjunioren gehalten habe. Wer den fachlichen Hintergrund vertiefen möchte: Die Gedanken zur Bewertung von Stress stützen sich auf das transaktionale Stressmodell von Lazarus und die Positive Appraisal Style Theory of Resilience (PASTOR) des Deutschen Resilienz Zentrums Mainz; die Unterscheidung der Belastungsarten auf das Challenge-Hindrance-Stressor-Modell; das Bild der trainierbaren Schutzschichten auf das Resilience-Shield-Modell von Pronk und Curtis.
